top of page

10 Jahre Ritualverband Schweiz

Autorenbild: Sabrina Gundert
Sabrina Gundert
vor 4 Tagen
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

10 Fragen an Gründungsmitglied Susanna Maeder



1. Wie ist der Ritualverband Schweiz entstanden – lange Planung oder Stammtischidee?


Susanna Maeder: Das Bedürfnis nach einem Zusammenschluss unter Ritualschaffenden war schon im Jahr 1997 da: Damals gründeten verschiedene Ritualfachpersonen aus unterschiedlichen Bereichen das „Netzwerk Rituale“. Die Ritualarbeit war damals noch ein Pionierfeld und im Netzwerk arbeiteten wir berufliche Standards sowie Honorarempfehlungen aus. Wir organsierten Weiterbildungen und versuchten uns gegenseitig zu inspirieren und unterstützen.


Im 2016 organsierte ich gemeinsam mit Röbi und Moritz Mähr, Thomas und Jeannette Vogel einen zweitägigen Ritualkongress. Der Titel lautete: „Rituale – im Spannungsfeld zwischen Schamanismus, Kirche und Psychiatrie“. Dieser Kongress war unglaublich spannend und mit ca. 35 Ritualfachpersonen sehr inspirierend. Wir spürten viel an Verbindung und auch Aufbruch. Der Wunsch nach einem Berufsverband kam auf. Und so gründeten wir vom Organisationskomitee den Ritualverband Schweiz.



2. Was war die grösste Errungenschaft für das Thema Rituale/Ritualarbeit seitdem in den letzten zehn Jahren?


Der Verband ist eine klare Anlaufstelle für Qualitätssicherung, für Weiterbildungen und Vernetzung unter Fachpersonen für Rituale. Es geht auch um eine bessere Sichtbarkeit des Berufes in der Öffentlichkeit. Ich würde sagen, das Berufsbild hat sich geschärft, es findet Verbindung und Austausch unter Fachpersonen statt, wir haben eine Ombudsstelle eingerichtet. Eine weitere Errungenschaft ist sicher auch, dass da eine Professionalität auf einem Gebiet entstanden ist, dessen Machtmonopol vorher ausschliesslich der Kirche gehörte.



3. Gibt es etwas, worauf du als Pionierin, Gründerin der Fachschule für Rituale und Gründungsmitglied vom Ritualverband Schweiz besonders stolz bist?


Vielleicht an einem neuen Berufsfeld mitgewirkt zu haben. Dafür eine Ausbildung erschaffen zu haben, die Menschen zu verantwortungsbewussten Fachpersonen für Rituale ausbildet.


Auch, dass die Menschen in der Ausbildung inspiriert werden, die starke Wirkkraft der Rituale zu erfahren und in ihrer Arbeit weiterzugeben. Danach verknüpfen sie diese dann mit ihrem persönlichen Berufsfeld. Ritualarbeit wird heute in allen möglichen Bereichen praktiziert: in Altersheimen, in Coaching und Therapie, für beeinträchtigte Menschen, in Psychiatrien, bei einem Architekten, in der Jugendarbeit, in Schulen und Kindergärten, usw. Die Liste könnte fortgesetzt werden. So kommt die Ritualarbeit auf professionellem Level zu den Menschen und ins Leben hinein. Alle möglichen Lebensübergänge werden so begleitet und unterstützt. Das ist wunderbar!



4. Was hat sich getan in der Landschaft der Ritualarbeit in der Schweiz seit zehn Jahren? Dinge, die vorher undenkbar waren und heute ganz normal sind?


Genau dies: Das man bei den grossen Lebensübergängen heute freie Alternativen zur Kirche hat. Die Entwicklung von den Ritualen der Kirche hin zur freien Ritualarbeit war vor 30 Jahren noch sehr exotisch. Es war ein neues Pionierfeld und man musste sich zurechtfinden. So erinnere ich mich z.B. wie ich eine erste Aschenverstreuung an einer Abschiedsfeier leitete. Kurz vor Ritualbeginn sah ich mir den Verschluss der Urne an. Mir war nicht bewusst gewesen, dass es eine so grosse Vielfalt an Urnen-Verschlüsse gab! Dieser war so versiegelt, dass ich die Urne nicht öffnen konnte und in aller Eile beim Nachbarshaus einen Schraubschlüssel organisieren musste.


Dies war alles völliges Neuland und wir mussten uns erst zurechtfinden in der Vielfalt des neuen Arbeitsfelds. Ebenfalls die Abläufe auf dem Friedhof oder in einer Kirche. Da gab es dann schon mal auch Zusammenstösse mit Sigristen und Pfarrpersonen. Auf beiden Seiten war man sozusagen überrumpelt. Da trafen Welten aufeinander. Diese Grenzen sind heute klarer geworden. Heute lernt man genau solche Dinge in der Ausbildung.


Vor circa zehn, 15 Jahren wurde dann der freie Markt in diesen Bereichen grösser. Die freien Zeremonien-Leiter*innen, Trau- und Trauer-Redner*innen kamen ins Feld. Auch diese arbeiten an denselben Schnittstellen wie wir. Sie sprechen eher die Menschen an, die immer noch ein Problem mit dem Begriff „Ritual“ haben und möglichst wenig bis keine Spiritualität in ihrer Feier möchten. Bei den freien Redner*innen steht eher das Wort im Zentrum.


Bei uns Ritualschaffenden eine ganz spezifische Begleitung, wo wir die persönliche Thematik der Kund*innen in eine passende Symbolik übersetzen und diese dann in das Ritual einbetten. Und natürlich arbeiten auch wir mit Worten und die freien Redner*innen mit symbolischen Handlungen. Die Trennung ist nicht messerscharf. Ich würde aber generell sagen, durch die Ritual-Arbeit entsteht mehr Tiefgang. Denn Worte sprechen uns Menschen auf der mentalen Ebene an, Symbole auf tieferen Bewusstseinsschichten.



5. Was ist dein Wunsch für die nächsten zehn Jahre Ritualverband?


Dass es dem Ritualverband gelingt, noch mehr in die Sichtbarkeit zu kommen. Und vor allem: dass es noch mehr möglich wird, den Menschen die Berührungsängste mit dem Begriff „Ritual“ zu nehmen. Oftmals erfahren wir immer wieder, wie das Wort „Ritual“ sofort in die Esoterik-Ecke gestellt wird und die Leute Bilder in sich tragen von: „ums Feuer tanzen müssen“. Hier braucht es immer noch Aufklärungsarbeit.


Das könnten öffentliche Rituale fördern. Hier haben der Ritualverband und seine Mitglieder bereits viel geleistet. Jährlich finden in einigen Städten der Schweiz öffentliche Rituale statt, z.B. eine Lichter-Spirale oder ein Lichter-Labyrinth zu Allerheiligen/Allerseelen/Samhain, Friedens-Feuer oder Wasser-Rituale. Die Menschen können darin eine persönliche rituelle Erfahrung machen und merken dann, wie heilsam und berührend es ist. Rituale sind Lebenshilfen!



6. Welcher Wert steckt für dich in Ritualen fürs Leben – für Übergänge, Anfänge, Abschiede?


Lebensübergänge, Abschiede, Neuanfänge sind immer von vielen unterschiedlichen Emotionen geprägt. Oft auch von grosser Unsicherheit. Ich sehe die Kraft der Rituale darin, diese oft unbewussten Prozesse sicht-, fühl- und erfahrbar zu machen. Dies in einer sehr sinnlichen Art und Weise. Damit können Lebensthemen und Gefühle gut integriert werden. Rituale sind Brücken zwischen dem, was vergeht, und dem, was noch nicht ist. Rituale helfen, Unaussprechbares in eine Handlung zu bringen. Denken wir z.B. an plötzliche Todesfälle und wie die Menschen das Bedürfnis haben, am Todesort Blumen und Symbole abzulegen. Dieses Ritual hilft, die Ohnmacht und den Schmerz in einen Ausdruck zu bringen. Rituale begleiten Menschen durch ihre Prozesse. Sie sind haltende Gefässe und können therapeutische Wirkung haben.



7. Was ist für dich persönlich das wichtigste Ritual, das es gibt?


Für mich ist es mein Start in den Tag. Ich beginne mit dem Trinken eines Tees, dann Meditation und danach Körperarbeit. Dieses Ritual hilft mir, mich klar auszurichten und mich zu verbinden mit einem tieferen Raum in mir. Dieses Ritual hat für meinen Tag, ja auf mein Leben, eine grosse Auswirkung.



8. Ein Ritual, das du gerne jedem ans Herz legen würdest?


Genau dies: den Tag bewusst beginnen. In welcher Form auch immer: eine Kerze anzünden und einige bewusste Atemzüge nehmen. Sich mit einer essentiellen Kraft oder einfach mit der Erde verbinden. Dabei ist nicht die Länge entscheidend, sondern einen Moment Bewusstheit und Verbindung in den Alltag zu bringen. Das gibt Kraft in einer unruhigen Welt.


9. Ein Ritual welches du schweizweit durchführen würdest?


Mitten in den Städten, auf zentralen Plätzen Feuer-Rituale durchzuführen. In grosser Schlichtheit, so wie das einige bereits machen mit den „Friedens-Feuern“. Man versammelt sich um eine Feuerschale und kann ein Holz ins Feuer geben mit einer Intention fürs eigene Leben, aber auch für die Nächsten oder fürs Kollektiv. Vielleicht so wie man in der Kirche eine Kerze entzündet. Dies in grösserem Stil in die Öffentlichkeit zu bringen, würde an einer urmenschlichen Tradition von „sich gemeinsam um ein Feuer zu versammeln“ anknüpfen und Verbundenheit schaffen.



10. Das für dich wichtigste Ritual deines Lebens bislang?


Mein Leben ist immer wieder voller Rituale. Mich berühren die Rituale immer stark, welche ins Kollektiv hineinwirken. So allen voran mein „Offenes Singen zur Wintersonnwende“ in Luzern. Da kommen seit Jahrzehnten 1000 Menschen zum gemeinsamen Singen von rituellen Liedern zusammen. Das gespendete Geld des Anlasses fliesst dann zu einem Hilfswerk, welches damit die Welt wieder zu einem etwas besseren Ort machen kann. Das berührt mich jedes Mal tief.



Interview: Sabrina Gundert, Foto: Susanna Maeder



Videogespräch zum 10-jährigen Jubiläum


Susanna Maeder und Sabrina Gundert haben in einem Video ihr Gespräch nochmals vertieft und weitergeführt. Hier kannst du es anschauen (Klick aufs Bild):





Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Bitte den Website-Eigentümer für weitere Infos kontaktieren.

Lass uns in Kontakt bleiben! Abonniere unseren Newsletter:

Danke für deine Anmeldung! 

Ritualverband Schweiz |  Museumsstrasse 29 | 9000 St. Gallen  Postkonto | IBAN CH96 0900 0000 1519 7966 7

Impressum   Datenschutz   © 2025 Ritualverband Schweiz

​​

bottom of page