Ritual im Parkhaus – Über alltagstaugliche Rituale
- Sabrina Gundert

- 24. Sept.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Okt.
Eines meiner kraftvollsten Rituale habe ich mit den Bändeln einer FFP2-Maske und einem Taschenmesser im Auto vor der Sauna gemacht. Es war der Moment, in dem die Trennung in einer Partnerschaft ausgesprochen wurde und klar war: Es gibt kein Zurück.
Damals waren wir gerade auf dem Weg zur Sauna und hatten einen schönen Abend geplant. Es kriselte schon länger, doch es war nicht klar gewesen, dass dies der Moment des Abschieds sein würde. Als es dann soweit kam im Auto, war ich null vorbereitet. Keine Räucherstäbchen, keine Klangschale, nichts, was den Raum heilig gemacht hätte.
Doch was es gab, war der ehrliche Moment, die Gefühle, die da waren, der Schmerz und die Tränen, das heilsame, wertvolle Miteinander.
In den Seminaren und Ausbildungen zum Thema Rituale leiten gebe ich eines immer weiter: Wir müssen bereit sein, in den Momenten, in denen wir sie brauchen, kraftvolle Rituale zu leiten, ohne dass wir das passende Werkzeug zur Hand haben.
Ritualwissen in uns tragen
Wir müssen lernen, das Ritualwissen in uns zu tragen, so dass wir es anzapfen und nutzen können, wann immer wir es brauchen. So wie eine Ärztin, ein Arzt, in dem Moment handeln, in dem sie gebraucht werden – mit ihrem Wissen und auch ohne die Tasche mit Instrumenten, die sie in Momenten des Alltags vielleicht nicht mit dabei haben.
So ist es auch mit den Ritualen: Wollen wir, dass Rituale und Leben, dass Alltag und Tiefe wieder Hand in Hand gehen, müssen wir aus dem jetzigen Moment, den wir haben, etwas machen.
Denn es kann sein, dass wir zu einem Ritual gerufen werden, dass es eines braucht, mitten in unserem Alltag. Weil ein Mensch stirbt, eine Freundschaft endet, ein Neubeginn unerwartet geschieht oder eine Beziehung zuende geht. Wann immer ein Wandel ansteht, kann uns ein Ritual eine grosse, tragende Schwelle bauen, über die wir drübergehen können und auf der wir geborgen sind – getragen im Ritual.
Ressourcen, die stärken
Im Auto fand ich eine Maske aus der Corona-Zeit und ein Taschenmesser im Handschuhfach. Die Schnüre trennte ich von der Maske ab, sie standen jetzt stellvertretend für unsere Beziehung. Das Taschenmesser wurde zur Schere oder Sichel, die den anstehenden, entscheidenden Schnitt setzt – die trennt, was war, und somit den Weg freimacht für Neues.
Auf dem Weg zu einem Schritt ins Unbekannte ist es immer gut, wenn wir vorher noch
schauen: Was trägt mich, wenn nichts mehr trägt? Was gibt mir die Kraft, um
weiterzugehen, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie der nächste Schritt aussehen kann?
Also habe ich auf meine Ressourcen geschaut und mich im Parkhaus umgesehen: Was gibt es hier, das mich unterstützen kann, den nächsten Schritt zu setzen? Den Schnitt zu machen und mein inneres Ja zu geben für den Weg, wie er jetzt weitergeht?
Es war nicht leicht, ein Parkhaus, abends, dunkel, kaum Autos drin – was findet man da für Ressourcen? Doch mir fiel immer wieder die grüne Parkhaus-Ampel an der Ausfahrt in den Blick: Wenn dass das Go vom Leben war, würde ich den nächsten Schritt gehen. Wenn dass das war, was ansteht, würde ich weitergehen.
So stieg ich wieder ein ins Auto und wir setzen den Schnitt: Wir haben die beiden Schnüre durchgeschnitten, die für die Beziehung standen, und damit gegenseitig das Ende der Beziehung bezeugt. Es gab Tränen, es gab Mitgefühl und einige Tage später noch ein Abschlussritual im Schwedenofen bei dem Partner zuhause.
Scheidung und Trennung sind Orte für Rituale
Im Ritualverband in der Schweiz haben wir das schon oft diskutiert: Dass es viele Rituale für Hochzeiten und Trauungen gibt, diese jedoch kaum genutzt werden für Trennungen und Scheidungen. Dabei würde gerade hier ein bewusst gesetztes Ritual oft einen anderen Weg weiter ebnen, als Streit und Wut aufeinander.
Für mich ist der Titel des Buches „Wenn wir uns trennen, lernen wir uns kennen“ von
Sabrina Fox in dieser Situation bezeichnend: Wie wollen wir auseinandergehen? Wie
weitergehen? Mit einem Ritual können wir einen Übergang bewusst zelebrieren und zeigen: Ich sehe und schätze dich auch in dieser Situation, auch wenn sich unsere gemeinsamen Wege trennen und jeder seinen Weg weitergeht.
Bei dem gemeinsamen Ritual zum Abschluss unserer Beziehung, habe ich anschliessend in der Küche geschaut, was ich als Segen und Geleit für den weiteren Weg finde: Statt Räucherwerk habe ich Reis und Küchenkräuter genommen. Basilikum und Rosmarin als Dank für gemeinsame Wege und Erlebtes. Reis als Segen für Künftiges.
So haben wir die beiden, durchgeschnittenen Schnüre verbrannt und damit dem endgültigen Abschied einen Segen mit auf den Weg gegeben.
Anfang und Ende entscheiden über das Weitergehen
Nach einigen Monaten, in denen jeder seinen eigenen Weg gegangen ist, sind wir langsam wieder in einen ersten Kontakt gekommen. Es hat mehr als ein Jahr gebraucht, als wir uns das erste Mal wiedergesehen haben. Damit jeder in der Zwischenzeit wieder ganz bei sich und im eigenen Leben ankommen konnte. Heute ist unser Miteinander herzlich und wertschätzend – es hat nichts von dem ursprünglichen Respekt verloren.
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass so, wie wir Dinge beenden oder starten, darüber
entscheidet, wie sie weitergehen können. Ob wir uns auf Augenhöhe wiederbegegnen
können, ob die Liebe weiterhin da ist – oder ob wir uns zerfetzen und wütend aufeinander
sind.
In der Ausbildung „Rituale und Kreise leiten“, in der Schwellenzeit-Begleitung und im 1:1 wie auch in meinen Büchern dem Trauerjournal „Du bist immer bei mir“ und dem Buch„Schwellenzeiten – Wandelzeiten: Kraftvoll durch Lebenskrisen gehen“ gebe ich diese Art von Ritualen konkret weiter.
Damit wir lernen können, wie wir Rituale nutzen können, wenn unsere Hände bloss und
nackt sind und wir mit nichts dastehen als dem, was wir in unserem Herzen tragen und was gerade in unserem Leben geschieht. Dass wir auch in diesen Moment erfahren: Ich bin handlungsfähig. Ich kann etwas machen. Das wünsche ich dir von Herzen.
Sabrina Gundert




Kommentare